Anlagetrends – So verändert der Mittelstand sein Anlagemanagement

Die historisch niedrigen Zinsen sind nicht nur für Privatanleger ärgerlich, sie belasten zunehmend auch den deutschen Mittelstand. Eine schnelle Zinswende ist nach Ansicht der Commerzbank-Volkswirte nicht zu erwarten. Zudem hat die Europäische Zentralbank jüngst die Strafzinsen für Geldhäuser erhöht. Mit Anlageprodukten im kurzfristigen Bereich positive Renditen zu erzielen wird damit auch immer schwieriger.

Aktuell investieren mittelständische Unternehmen weiterhin zu mehr als 80 % liquiditäts- und sicherheitsorientiert. Lediglich 11 % setzen mit ihrer Anlagestrategie auf Chancen und nehmen hierfür Risiken in Kauf. Eine weitere Herausforderung für Unternehmen liegt im Bereich der Pensionsrückstellungen: durch die anhaltend niedrigen Zinsen wird die Deckungslücke größer.

Neue Anlagestudie: In welche Anlageprodukte investiert der Mittelstand

Wer auf steigende Zinsen im Euroraum gehofft hatte, wurde von der Europäischen Zentralbank (EZB) jüngst enttäuscht. Darüber hinaus wird es durch die Anhebung der Negativzinsen für Banken wahrscheinlicher, dass Geldhäuser diese an ihre Kunden weiterreichen. Unternehmen, die ihre verfügbare Liquidität kurzfristig anlegen, können mit Termingeldern in Euro nahezu keine Renditen mehr erzielen. Damit beginnt für viele Unternehmen die Suche nach Alternativen.

Neue Anlagelösungen gesucht

Die Umfrageergebnisse zeigen, dass die Negativzinsen zu Investitionen in andere Anlageformen führen. Knapp 40 % der Befragten haben bereits Anlagelösungen gefunden, bei denen keine Zinsbelastung ihrer Liquidität erfolgt. Für im Ausland aktive Unternehmen ist hier beispielsweise die Anlage in der jeweiligen Fremdwährung interessant. Darüber hinaus nutzt ein weiteres Drittel der Unternehmen direkte Investitionen in den eigenen Betrieb.

Knapp ein Viertel der Unternehmen nutzt professionelle Anlagemanager

Um im Niedrigzinsumfeld erfolgreich anzulegen, ist häufig eine zeitaufwändige Analyse der aktuellen Situation sowie Erfahrung an den Kapitalmärkten notwendig. Annähernd ein Viertel der befragten Unternehmen nutzt daher bereits die Möglichkeit, Anlageentscheidungen an einen professionellen Asset Manager zu delegieren.

Die detaillierten Ergebnisse der Anlagestudie finden Sie hier:

Ergebnisse der Anlagestudie

„Liquiditätsmanagement für Unternehmen ist immer ein individuelles Geschäft“


Interview mit Oliver Haibt, Head of Corporate Sales Capital Markets, Commerzbank AG

Herr Haibt, wie können Unternehmen ihre Liquidität im anhaltenden Niedrigzinsumfeld bestmöglich anlegen?

Oliver Haibt: Jedes Unternehmen hat individuelle Anforderungen und damit auch Möglichkeiten, das Liquiditäts- und Anlagemanagement bestmöglich zu organisieren. Wichtig ist, die eigene Situation zu analysieren und zu entscheiden, welche Chancen genutzt werden können und welche Risiken dabei zu berücksichtigen sind.

Welche Anlageprodukte bieten in der Niedrigzinsphase gute Renditechancen?

OH: Zurzeit können beispielsweise Termingelder in Fremdwährungen attraktiv sein. Um mögliche Währungsrisiken zu vermeiden, ist diese Alternative insbesondere für Unternehmen interessant, die in den entsprechenden Währungsräumen aktiv sind – aktuell unter anderem die USA, Großbritannien, Kanada und China.

Welche kurzfristigen Anlagealternativen gibt es für Unternehmen, die nicht in Fremdwährungen investieren möchten?

OH: Es gibt nach wie vor Marktteilnehmer, die positive Zinsen für Terminanlagen in Euro zahlen. Unseren Kunden bieten wir online über unser Commerzbank Firmenkundenportal einen exklusiven Zugang zu diesen Angeboten über die Plattform WeltSparen an.

Gibt es Angebote für Unternehmen, die sich mehr Unterstützung bei ihren Anlageentscheidungen wünschen?

OH: Abhängig davon, wie intensiv das Unternehmen selbst in Anlageentscheidungen eingebunden sein möchte, bieten wir unterschiedliche Lösungen. Wie die aktuelle Anlagestudie zeigt, delegieren bereits ein Viertel der mittelständischen Unternehmen diese Entscheidungen an professionelle Vermögensverwalter. Aber auch bei der klassischen Anlage in Termingeldern, Anleihen, Aktien und Fonds analysieren unsere Berater, welche Produkte zu dem Unternehmen passen und unterstützen so bei der Entscheidung.

Welche Vorteile bietet die professionelle Vermögensverwaltung?

OH: Im Rahmen einer professionellen Vermögensverwaltung beobachten und analysieren unsere Experten täglich den Kapitalmarkt und selektieren interessante Anlagemöglichkeiten. Die Anlageentscheidungen trifft die Commerzbank selbständig und bewegt sich dabei innerhalb eines Rahmens, der vorab mit dem beauftragenden Unternehmen definiert wurde. Dieser Service kann bereits ab einer Anlagesumme von 1 Million Euro genutzt werden. Je nach Umfang der Vermögensverwaltung übernehmen wir darüber hinaus auch einen Großteil der notwendigen administrativen Arbeiten.

Niedrige Zinsen führen zu größerer Deckungslücke bei Pensionsverpflichtungen

Die jüngste Entscheidung der EZB trifft Unternehmen nicht nur bei der Anlage ihrer Liquidität, sondern auch bei der Berechnung ihrer Pensionsrückstellungen. Denn der Durchschnittszins gem. HGB (Handelsgesetzbuch) für die Berechnung der Pensionsverpflichtungen wird weiter absinken. Das bedeutet für die betriebliche Altersversorgung der nach HGB bilanzierenden Unternehmen, dass sich ihre Verpflichtungen in den nächsten fünf Jahren (2018-2023) um etwa 25 Prozent erhöhen werden. Sofern die Unternehmen nicht zusätzlich investieren, sinkt hierdurch ihre jeweilige Deckungsquote. Zurzeit geben in der aktuellen Anlagestudie der Commerzbank 63% der Unternehmen an, die Pensionsrückstellungen zu mehr als 50 Prozent gedeckt zu haben.